Mysore und Bangalore

Abreise aus Ooty, Schluß mit Frieren, ab in die Wärme! Die Busfahrt hat fast sechs Stunden gedauert für 160 Km. Dafür führte sie aber auch durch recht abwechslungsreiche Landschaft. Erst Teeplantagen, dann Kaffee, später Reis, dann durch einen Nationalpark mit Elefanten, Seen, Flüssen und plötzlich Steppe mit vereinzelten Palmen und Kakteen. In Mysore (bzw. Mysuru ) angekommen ging Jörn wieder erst einmal alleine los auf Zimmersuche. Es gab zwar eine große Auswahl an Hotels, aber wir wollten ein schönes Zimmer mit Balkon und auch nicht an einer Hauptstrasse gelegen. Nach einer Stunde hatte Jörn eins gefunden in einer ruhigen Nebenstrasse und direkt neben dem Eingang zum berühmten Maharadscha Palace. Wir erfuhren, dass heute noch mal Deepawali oder Divali , der hinduistische Feiertag begangen wurde. Den hatten wir zwar gestern schon in Ooty erlebt, aber in Mysore wurde er einen Tag später gefeiert, also noch einmal Sylvester für uns mit Knallerei und Feuerwerk. Zunächst sollten wir aber um sieben Uhr zum Palace gehen und uns die Illumination ansehen. Das taten wir auch und das war wirklich ein großes Spektakel. Kurz nach Einbruch der Dunkelheit gingen auf einen Schlag tausende Glühbirnen an und zauberten einen atemberaubenden Anblick wie aus 1001ner Nacht. Später dann ging die Böllerei wieder los und wir verzogen uns lieber auf unseren Balkon und sahen uns das vom ersten Stock aus an. Am nächsten Morgen wurden wir um 6 Uhr von einem Höllenlärm geweckt. Unter unserem Zimmer schien ein Dieselmotor angesprungen zu sein, sein Lärm und seine Vibrationen warfen uns fast aus dem Bett, auf jeden Fall war an Weiterschlafen nicht zu denken. Wir standen auf und fragten an der Rezeption was da los wäre. Powercut war die Antwort, also Stromunterbrechung und dann springt eben der hauseigene Generator an. Wir fragten nach einem anderen Zimmer.


1001 Nacht und alles echt!

Und so sah er tagsüber aus, der Maharadscha Palace von Mysore

Der Portier wollte wissen warum, es wäre doch ein schönes Zimmer. Unsere Begründung "Lärm" verstand er nicht, der Generator würde doch nur 1-2 Stunden laufen. Ab Mittag sollten wir noch einmal nachfragen. Ok, wir hatten einige Anrufe zu erledigen, hatten uns lange nicht zu Hause gemeldet und mußten unsere Flüge reconfirmen. Im Hotel war ein telephone-office, wo wir versuchten zu telefonieren aber nichts ging, alle Leitungen waren ständig besetzt. Also erstmal Geld wechseln in einer Bank. Das war die Krönung. Man ließ uns geschlagene 2 Stunden warten, während unsere Pässe von einem Schreibtisch zum nächsten wanderten und immer wieder in große dicke Bücher alle Namen und Nummern übertragen wurden. Währenddessen saßen etliche Angestellte an ihren Schreibtischen und bohrten in der Nase, lackierten sich die Fingenägel oder lasen Comics. Wir waren sauer und wollten hier wieder raus. Als wir endlich unser Geld bekamen versuchten wir noch mal zu telefonieren, immer noch ging nichts. Also gingen wir den Palace besichtigen. An dem Eingang wo wir gestern hineingegangen waren hieß es auf einmal in unfreundlichem Ton: Hier kein Eingang, andere Seite! Was ist denn heute los? Irgendwie klappt mal wieder gar nichts. Am anderen Eingang angekommen fragte ein Wärter nach unserem Ticket, ohne Ticket kein Einlaß, gibt's am anderen Eingang! Jetzt platzte Ruth der Kragen, sie schnauzte ihn auf deutsch an und wir gingen weg. Kaum hatten wir uns umgedreht, rief er uns zurück: Ausnahmsweise könnten wir doch ein Ticket von ihm bekommen... rätselhaftes Indien! Von innen war der Palace allerdings nicht so beeindruckend wie von aussen, er war ja auch nicht mehr bewohnt sondern mehr ein Museum und Touristenattraktion. Als wir wieder zum Hotel kamen, hatte man ein Übergangszimmer für uns ohne Balkon aber zur Seite und morgen könnten wir dann ganz oben eins mit Balkon bekommen. Na gut, besser so, als noch einmal über dem Generator schlafen. Der Portier verstand immer noch nicht, warum wir überhaupt das Zimmer wechseln wollten, das Wort Lärm war ihm offensichtlich nicht bekannt.

Unser nächster Telefonversuch klappte endlich, wir bekamen eine Verbindung nach Deutschland und sogar das Reconfirmen klappte nun. Wir gingen einfach mal drauflos quer durch die Stadt, landeten beim Bahnhof wo wir uns auf eine Bank setzten, das bunte Treiben anguckten und die relative Ruhe ohne Autoverkehr und das ewige Gehupe genossen. Auf dem Rückweg landeten wir auf einem Markt, den wir vorher gar nicht entdeckt hatten. Ein Stoffhändler hatten ballenweise den schönen Madras-Karo Stoff aus leichter Baumwolle, den wir die ganze Zeit vergeblich gesucht hatten. Wir kauften acht Meter um uns daraus später zwei dünne Schlafsäcke nähen zu lassen, dir wir bis heute immer noch bei Asienreisen mitnehmen. Es war ein toller Markt, viele Händler forderten uns auf Fotos von ihnen und ihren Waren zu machen. Andere schenkten uns Proben von Gewürzen, Früchten und Kräutern und sie alle waren in keiner Weise aufdringlich, wie wir es woanders erlebt hatten. Ein Parfumhändler erklärte uns ausführlich, wie er alle seine Düfte selbst herstellte und lud uns sogar in seine "factory" ein. Dazu fehlte uns leider die Zeit, so nahmen wir einige Proben mit. Für heute reichte uns das Erlebte, es war einfach kein Platz mehr im Gehirn und wir mußten alles Eindrücke auch erst einmal verdauen und verzogen uns auf unser Zimmer. Morgen war unser letzter Tag in Mysore und da wollten wir noch einen Ausflug machen auf den Chamundi Hill, von wo man einen tollen Ausblick auf die Stadt haben sollte.
Das Zimmer war zwar ruhiger als das von gestern und der Generator weit entfernt, aber direkt unter unserem Fenster war der Abzug der Küche und die Küchendämpfe zogen schön an unserem Fenster vorbei und teilweise auch hinein. Wir freuten uns schon auf unser Zimmer morgen ganz oben mit Balkon!


Markt in Mysore


Auf dem Chamundi Hill mit Blick auf Mysore

Am nächsten Morgen konnten wir tatsächlich unser Dachgeschoss-mit-Balkon Zimmer beziehen und hatten nun endlich eine tolle Aussicht auf den Palace, Ruhe vor dem Generator und dem Strassenlärm und das Zimmer war sogar komplett mit rotem Plüschteppich ausgelegt, was ein Luxus (für ca. 12 Euro)! Es wäre eigentlich die Hochzeitssuite erfuhren wir. Für heute hatten wir einen Ausflug auf den nahen Chamundi Hill geplant. Auf dem ca. 1000m hohen Berg steht ein Tempel und viele Wallfahrer steigen die etwa 1000 Treppenstufen zu Fuß hoch. Wir nahmen lieber den Bus, tranken oben eine erfrischende Kokosnuss und genossen die Aussicht auf Mysore. Den Abstieg machten wir dann aber doch zu Fuß. Es kamen uns hunderte von Schulkindern entgegen und ausnahmslos alle fragten: Whats your name? Your Country? Nachdem wir eine ganze Weile brav "Ruth and John from Germany" geantwortet hatten, wurde es uns überdrüssig und wir antworteten: Schweinsschnitzel und Straßenbahnschaffner from Switzerland und erfanden immer neue Namen in der Hoffnung, dass sie uns in Ruhe ließen. Aber nach der halben Strecke war eine ganze Meute um uns herum, blieb stehen, wenn wir stehen blieben und verfolgte uns regelrecht. Endlich unten stiegen wir in einen Bus ein und die ganze Meute hinterher. Wir sollten für sie bezahlen wurde lauthals gefordert. Der Busfahrer kam uns zur Hilfe und setzte sie an der nächsten Station vor die Tür. Das war schon nicht mehr spassig! In Mysore angekommen fing uns ein gut gekleideter Mann auf der Strasse ab und redete intensiv auf uns ein, wir sollten unbedingt mitkommen, Snapshot! Es war uns egal, wir waren schon genug genervt und verzogen uns auf unseren Balkon und schauten uns das ganze Geschehen von oben an. Erst im Dunkeln sind wir wieder raus, noch einmal auf den Markt, ein paar Sachen einkaufen.

Auf dem Rückweg vom Markt dann die Krönung des Tages: In einem Kreisverkehr spielte eine Liveband mit Riesenanlage, davor hunderte Leute mitten auf der Strasse, dazwischen fuhren Fahrräder, Tuk Tuks, Autos, Busse, Büffelkarren. Ein Polizist pfiff auf seiner Trillerpfeife, alle hupten, eine Kuh lag stoisch wiederkäuend mittendrin... ein unglaubliches Chaos, das ist Indien! Unser vorletzter Abend, wir fingen an, Indien zu mögen. Eine solche geballte Ladung lebendiges Chaos hatten wir noch nirgendwo erlebt. In Indien braucht man keine große Planung machen, von einer Minute zur anderen kann sich alles ändern, man muss auf alles gefasst sein... zum ersten Mal genossen wir es, ein Teil dieses chaotischen Treibens zu sein und sogen alles in uns auf, bis nichts mehr ging und wir wieder auf unseren Balkon flüchteten.
Am nächsten Morgen hatten wir zunächst Bedenken, ob wir überhaupt einen Platz im Bus nach Bangalore bekämen, aber dann kam sogar ein Super-Luxus Bus und wir bekamen einen Platz in der ersten Reihe. Der Busfahrer fuhr zwar wie der Henker, aber das kannten wir ja schon und ergaben uns unserem Schicksal. In Bangalore blieb Ruth am Busbahnhof mit Gepäck und für Jörn begann die Odyssee. Geschlagene 15 Hotels mußte er abklappern bevor er das erste Zimmer angeboten bekam, alle anderen waren ausgebucht. Das Zimmer hatte allerdings kein Fenster und leider auch kein Licht, denn die einzige Glühbirne war gerade durchgebrannt. Der Portier zeigte ihm das Zimmer mit einem brennenden Feuerzeug, es roch ziemlich muffig. Trotzdem sagte er erst einmal zu und als auch die nächsten 7 Hotels ausgebucht waren, machte er sich gerade auf den Weg zum Busbahnhof um Ruth in dieses dunkle Loch abzuholen, als ihm direkt neben dem Busbahnhof noch ein letztes Hotel auffiel.

Hotel Nr.23 in Bangalore

Markt in Bangalore

Ein Zimmer? Kein Problem! Warum hatten wir hier nicht zuerst gefragt. Wir bekamen das reinste Luxuszimmer mit heißer Dusche, Fernseher und Balkon. Auch wenn es mit 25 Euro das teuerste Zimmer unserer Reise war, es war uns egal, Hauptsache nicht in diesem Loch ohne Licht die letzte Nacht verbringen müssen. Hier erfuhren wir auch, warum alle anderen Hotels ausgebucht waren: es war Miss-World Wahl an diesem Wochenende, das erste Mal in Indien. Den Tag verbrachten wir in den Gassen und auf den Märkten Bangalores. Von der angeblich so modernen und saubersten Stadt Indiens sahen wir nichts, die mußte irgendwo anders anfangen. Wir sahen nur das übliche Gedränge, zwar auch einige schöne Märkte aber auch jede Menge Müllberge, verstopfte Latrinen, überall Dreck, Marktabfälle, Bürgersteige mit Riesenlöchern, kaputte Strassen, ein furchtbarer Moloch! Schlimmer hatten wir es bisher nicht erlebt.
Käme jemand ohne Asienerfahrung in eine solche Gegend, er würde den Schock seines Lebens bekommen! Wir stellten fest, daß wir nach 4 Wochen Indien schon ziemlich abgestumpft waren gegenüber Dreck und Elend. Wir wollten eigentlich noch das Fort und den Palace besichtigen, fanden aber irgendwie nicht dorthin und hatten nach 3 Stunden Fußmarsch auch kein Interesse mehr an Kultur und sehnten uns nur noch nach unserem Zimmer und einer schönen heißen Dusche. Vor unserem Hotel verkaufte ein Mann an einem kleinen Stand leckere Egg-Parrottas. Wir holten uns zwei und dazu eine kleine Flasche indischen Gin und genossen unseren letzten Abend mit einem selbstgemixten Drink
auf unserem Balkon. Das direkt unter unserem Balkon eine Riesenböllerei losging, störte uns nicht im Geringsten, es gehörte einfach dazu! Ruhe würden wir schon bald wieder genug haben, zu Hause.

Zum letzten Mal eine stinkige Tuk Tuk Fahrt durch die Stadt zum Airport. Der Flug nach Bombay hatte zwei Stunden Verspätung. Zum Glück hatten wir vier Stunden Zeit bis zu unserem Anschlussflug. Ein sehr modernes Ankunftstermial erwartete uns und es gab ein großes Hinweisschild: "kostenloser Transferbus zum International Airport". Auch an der Tourist-Info wurde uns versichert: jede halbe Stunde ein Bus zum International Airport. An der Haltestelle warteten und warteten wir. Es wurden immer mehr Touristen und der kostenlose Transferbus (was groß an ihm dran stand) kam tatsächlich jede halbe Stunde und fuhr leer und ohne anzuhalten an uns vorbei... statt dessen hielten ständig Taxifahrer und nahmen die Touristen mit, denen es zu bunt wurde, und deren Anschlussflug bald ging. Nach 2 Stunden und 4 vergeblichen versuchen, den Transferbus zu stoppen (der Busfahrer grinste uns nur hämisch an, war wohl von den Taxifahrern bezahlt worden fürs Nichtanhalten) nahmen wir auch ein Taxi zum geforderten Wucherpreis, was blieb uns übrig. Wir fuhren durch krasse Gegensätze von Nobelhotels und Slumhütten gleich daneben. Der Taxifahrer versuchte bei der Ankunft noch einen Nachschlag rauszuholen indem er einen noch höheren Betrag forderte, wir weigerten uns aber, legten ihm den abgemachten Betrag auf den Sitz, schnappten unser Gepäck und ließen ihn fluchend zurück. Auch das Einchecken, Pass- und Zollkontrollen waren eine echte Geduldsprobe, die Beamten ausgesprochen unhöflich, ohne Gruß, ohne bitte oder danke, alles im Befehlston: Passports!!! Boardingpass!!! Am letzten Kontrolltor wurden wir wütend angemacht, es würde ein Stempel fehlen, noch mal zurück zum Zoll, war das nun unsere Schuld? Beim nächsten Versuch wollte der Beamte den Stempel gar nicht mehr sehen, diese verdammten Bürokraten, diese verdammte Gleichgültigkeit, Unfreundlichkeit, Freude, einen ins Messer laufen zu lassen. Mußte unser Abschied so negativ ausfallen? Nicht erwartet hatten wir die überschwengliche Freude der Klofrau, der wir unsere letzten Rupees in die Hand drückten.


Abflug nach Bombay

 


Wir waren das das erste Mal froh, nach einem Asienbesuch wieder nach Hause zu fliegen. Indien hatte uns regelrecht geschafft. In keinem Land war es bisher auch nur annähernd so schwer gewesen, eine Reiseplanung durchzuführen. Unser Trip einige Jahre zuvor von Bangkok mit Zug, Bus, Bahn und Moped über Thailand, Malaysia und Indonesien bis Bali und wieder zurück war ein Kinderspiel dagegen gewesen, obwohl wir die dreifache Strecke in gerade 2 Wochen mehr Zeit zurücklegten. Es gab Highlights in Indien, das waren aber oft unvorhergesehene Begegnungen mit sympathischen Menschen, die aus der Menge der gleichgültigen und unfreundlichen herausragten. Man muß in Indien immer auf Überraschungen gefasst sein. Wenn etwas gerade gut läuft, kann das im nächsten Moment voll daneben gehen. Flexibilität ist jederzeit erforderlich. Man kann nie sicher sein, daß etwas so laufen wird, wie man geplant hat oder es sich vorstellt. Inder sind in ihrem Handeln schwer zu verstehen, es ist oft nicht klar, warum manche Dinge passieren oder andere eben nicht. Es war zwar unsere ereignisreichste Reise, aber es war kein Urlaub, keine Erholung, dafür aber eine Lektion. Wir sahen Deutschland mit ganz anderen Augen. Sauberkeit und geordnete Abläufe waren für uns vorher völlig normal gewesen, nun kamen sie uns überzogen und leblos vor. Wieder zu Hause fehlte zumindest ein wenig von dem Chaos, das wir zu guter Letzt an Indien doch noch zu schätzen gelernt hatten. Nach einigen Wochen waren wir zwar wieder an die Tretmühle von Job und Lebensroutine gewöhnt, aber irgendwie wirkte Indien immer noch nach. Viele Dinge, über die man sich ärgerte erschienen in ganz anderem Licht, wenn man nur mal kurz an unsere Erlebnisse in Indien zurück dachte. Wir reisten in den nächsten Jahren zwar lieber wieder mehrmals nach Sri Lanka, Thailand und Indonesien, holten aber im Jahre 2009 unseren ausgefallenen Goa-Besuch nach und werden sicher nicht das letzte Mal in Indien gewesen sein.


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